Digitale Dienste im Fokus beim Tag der Logistik 2017 in Bremen

Branchentreff am BIBA zeigt auf, wie die Digitalisierung auch Geschäftsmodelle verändert

Tag der Logistik 2017 am BIBA – Teilnehmer tauschen sich am Rande der Vortragsveranstaltung aus. Foto: VIA BREMEN
17. Mai 2017 - in Häfen & Logistik

„Digitale Dienste in der Logistik“ war das Thema einer Vortragsveranstaltung am diesjährigen Tag der Logistik am BIBA. „Digitale Dienstleistungen sind ein gemeinsames Anliegen von Wirtschaft und Wissenschaft“, sagte Prof. Dr.-Ing. Klaus-Dieter Thoben, Institutsleiter und Sprecher des BIBA. In verschiedenen Fachvorträgen wurde aufgezeigt, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die Geschäftsmodelle von Unternehmen hat.

Die Veranstaltung wurde organisiert vom BIBA, dem AFSMI-German Chapter e.V., der Bremischen Hafenvertretung e. V., der Handelskammer Bremen und der Wirtschaftsförderung Bremen. „Deutschland wird oft ausschließlich als Industriestandort wahrgenommen“, sagte Kai Altenfelder, Präsident des AFSMi e. V. „Service ist das Stiefkind, und Forschungsprojekte für Servicethemen bekommen schwer einen Zuschlag. Doch Unternehmen passen ihre Geschäftsmodelle an und stellen vermehrt Dienstleistungen zur Verfügung.“

Martin Günthner, Bremer Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen, sagte in seinen Begrüßungsworten: „Das, was man sieht, beispielsweise die Lkw auf den Straßen, wird mit Logistik in Verbindung gebracht. Doch die Vernetzung ist das eigentliche Geheimnis des Standorts. Bremen hat hier eine große Expertise.

Auch Petra Lüdeke betonte in ihrer Begrüßung als Vertreterin der Bremischen Hafenvertretung, dass die Kernwerte der seit 75 Jahren bestehenden Institution das verkörpern, was auch bei der aktuellen Digitalisierung gefragt ist: Tradition, Innovation und Vernetzung.

Digitale Dienste in der Logistik – aktuelle Infrastruktur bietet vielerorts Herausforderungen 

Die Informationen, die Produkte entlang der Supply Chain begleiten, sind immer öfter digital. Um sie auszulesen, sind entsprechende technische Voraussetzungen an allen Stationen nötig. Nicht alle Unternehmen weltweit verfügen jedoch über diese Möglichkeiten. „Nicht überall auf der Welt gibt es die Infrastruktur für einen unternehmensübergreifenden Datenaustausch“, sagt Michael Freitag, Institutsleiter am BIBA.

"Die Automobilbranche und die Luft-und Raumfahrtbranche treiben die Digitalisierung voran. Und die Digitalisierung ist wiederum Treiber des Wirtschaftswachstums in Bremen.“ 

Martin Günther, Bremer Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen

In einem von ihm betreuten Forschungsprojekt geht es daher um digitale Services zur Gestaltung agiler Supply Chains. Entwickelt werden mobile Lösungen, mit denen Daten in periodischen Intervallen oder ereignisorientiert durch ein Gateway übertragen werden können. Das können beispielsweise Datensensoren an Ladungsträgern (KLTs) sein. Diese Sensoren erfassen Störereignisse. An Lkw und in Hallen können dann Gateways installiert und Daten übertragen werden. Damit werden dann nicht nur Daten über den Bestand weitergeben wie bei herkömmlichen RFIDs, sondern auch qualitätsrelevante Daten. Für Unternehmen sind Informationen über den Zustand ihrer Waren wünschenswert, um schneller auf Störereignisse reagieren zu können.

Joachim Anna, Hilti, erläutert den Wandel seines Unternehmens zu digitalen Services. Foto: VIA BREMEN

Was heute noch eine Zukunftsvision ist, wird in Kürze zum Stand der Technik

Woran Forscher aktuell arbeiten, wird auf Unternehmensseite mit Spannung erwartet. „Wir brauchen diese Forschung“, sagt Joachim Anna, Head of Distribution Europe Central und Geschäftsführer bei Hilti Deutschland Logistik GmbH.

Das Ziel ist ein präventiver Service, der Qualitätsmängel frühzeitig erkennt.

Die Marke Hilti ist vor allem bekannt für Montagewerkzeug und Messtechnik. „Wir haben empfindliche Produkte, für die wir uns eine permanente Qualitätskontrolle wünschen. Es gibt Studien, die untersuchen, wo Digitalisierung stattfindet. Beim Thema Supply Chain gibt es kaum Aktivität. Das sollte sich unbedingt ändern.“ 

Digitalisierung verändert Geschäftsmodelle

Doch auch Baustellen werden immer stärker digitalisiert: Durch Automatisierung und intelligente Assistenzsysteme wie beispielsweise ressourcensparende Wassersysteme für das Diamantbohren wird Bauen effizienter und sicherer. „Das Unternehmen Hilti kommt von Produkten am Bau, doch mittlerweile sind wir ein Serviceunternehmen“,  sagt Anna. „Ein Beispiel: 52 Stunden im Monat suchen Mitarbeiter auf Baustellen nach Geräten. Für 75 Prozent unserer Kunden ist das Suchen nach Geräteunterlagen und das Herausfinden von Wartungsterminen ein beträchtlicher Zeitaufwand. Und durchschnittlich gehen pro Monat zwei Geräte auf der Baustelle verloren. Verlorengegangene Ausrüstung kostet Unternehmen durchschnittlich 4.000 Euro im Jahr. Deshalb hat Hilti eine digitale Betriebsmittelverwaltung entwickelt, mit der Kunden über eine Cloud jederzeit Zugriff auf aktuelle Daten haben.“

Auch Arne Schulz, CEO bei Axtrion GmbH & Co.KG zeigte auf, wie Produkte wie beispielsweise IT-Infrastruktur und Software durch Cloud-Computing zu Services werden. „Das Unternehmen Microsoft beispielsweise hat in den letzten 4 Jahren 450 neue Services geschaffen.“ 

Digitalisierung soll für Menschen einen Mehrwert bringen – nicht nur höheren Gewinn

In der Logistikbranche mit ihren knappen Margen steht der Nutzen von Innovationen im Vordergrund, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dass andere Aspekte genauso wichtig sind, zeigte Markus Müllerschön, Geschäftsleiter Vertrieb von viastore Software GmbH auf: „Denn für wen machen wir unsere Produkte? Für Menschen.“ Das Unternehmen ist spezialisiert auf Lagerverwaltungssysteme und Intralogistik-Software. „User-Interfaces müssen komplizierte Dinge einfach darstellen und intuitiv bedienbar sein. Die Software soll Fehler des Nutzers erlauben und individuell konfigurierbar sein“, sagt Müllerschön. „Die Menschen, die in einem Lager arbeiten und mit der Software zu tun haben, sind sehr unterschiedlich. Wir beziehen deshalb Psychologen bei der Entwicklung unserer Software ein, die die Anwendungen mit Probanden testen. So finden wir bedienerfreundliche Lösungen. Letztlich soll unsere Software so einfach zu bedienen sein, wie ein Smartphone.“ 

Digitalisierung ist höchst individuell – und muss nicht kompliziert sein

Ulrike Meyer, Leiterin Digitale Lösungen bei Willenbrock Fördertechnik, steuerte ganz eigene Einblicke bei: Sie fing bei Willenbrock als erste weibliche Staplerverkäuferin an. Zunächst arbeitete sie daran, Stapler mit digitaler Intelligenz auszustatten. Die Förderfahrzeuge messen, wie viele Paletten und welches Gewicht bewegt werden und melden sich automatisch zur Wartung.

„Manchmal sind die Lösungen überraschend einfach – Digitalisierung heißt nicht zwangsläufig Komplexität."
Ulrike Meyer, Willenbrock Fördertechnik

In Meyers Verkaufsgesprächen ergaben sich jedoch sehr schnell auch Fragen und Wünsche der Kunden, die über die ursprüngliche Auswahl des Staplers hinausgingen. So wünschte sich ein Wellpappenhersteller beispielsweise, dass Staplerfahrer auf einen Blick sehen können, wie viele Meter Pappe sich auf einer Wellpappenrolle befindet. Meyer entwickelte zusammen mit dem Kunden eine Lösung: Die Papprollen wurden mit einem Sensor ausgestattet, der die Wicklungen misst. Die Flurförderzeuge können nun über WLAN die Daten der Rolle abrufen und der Fahrer weiß, welche Rolle er bei einer gewünschten Menge wählen muss.

„Manchmal sind die Lösungen überraschend einfach – Digitalisierung heißt nicht zwangsläufig Komplexität“, sagt Meyer und betont, dass es immer Vorreiter geben muss: „Nur wenn es Menschen gibt, die Dinge weiter entwickeln, gibt es die Produkte von morgen“.

Tag der Logistik am BIBA: Besucher nutzen die Gelegenheit zum Austausch mit Branchenvertretern. Foto: VIA BREMEN

"Nur wenn es Menschen gibt, die Dinge weiter entwickeln, gibt es die Produkte von morgen."

Ulrike Meyer, Leiterin Digitale Lösungen bei Willenbrock Fördertechnik.


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