Der Neustädter Hafen hat durchaus Potenzial

Quelle: bremenports GmbH & Co. KG
09. August 2016 - in Häfen & Logistik

Konventionelle Stückgüter, das so genannte break bulk, sind weltweit kein Wachstumsmarkt. Der Container hat im Laufe der letzten 50 Jahre nach und nach alle Ladung an sich gezogen, die in die genormten Boxen hineinpasst und nicht zu schwer ist. Die einst ehrgeizigen Planungen des Hafenressorts der frühen 1960er Jahre, auf dem linken Weserufer vier neue Hafenbecken zu bauen, waren schon bald Makulatur. Die Container, die anfangs im Neustädter Hafen in Bremen geladen und gelöscht wurden, verlagerten sich immer weiter an den neuen weitläufigen Containerterminal in Bremerhaven. Daher reichte in Bremen ein neues Hafenbecken auf der linken Weserseite, zumal auch Übersee- und Europahafen bis in die 1990er Jahre noch im Betrieb waren.

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#Container #Im- und Export

Heute arbeiten im Neustädter Hafen 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gute Arbeitsplätze, da überwiegend nach dem relativ hohen Hafentarif bezahlt wird. 2015 wurden dort 1,3 Millionen Tonnen Stückgut umgeschlagen. „Mehr werden es auch in diesem Jahr nicht werden“, erwartet Sven Riekers, Geschäftsführer der BLG Cargo Logistics, die den Neustädter Hafen betreibt. „Wir agieren eben nicht in einem Wachstumsmarkt, in dem wir jedes Jahr ein Plus von zwei oder drei Prozent erwarten können“, so Riekers weiter. 

Konjunkturdelle und niedriger Ölpreis dämpfen das Geschäft

In besseren Jahren belief sich Jahresumschlag auf 1,7 bis 1,8 Millionen Tonnen. Warum ist das gegenwärtig nicht der Fall? Zwei Hauptursachen sind schnell analysiert: Die weltweite Konjunkturdelle, die sich natürlich auch im Seeverkehr bemerkbar macht, gedämpft zudem durch die geopolitischen Veränderungen. Die Russlandverkehre sind stark eingebrochen und das Iran-Geschäft ist noch nicht wieder voll angelaufen. Auch die wirtschaftliche Entwicklung in Brasilien schwächelt. Den zweiten Grund sieht Riekers im niedrigen Rohölpreis. Die Öl- und Gasindustrie investiert deshalb nicht in Modernisierungen und neue Anlagen, die zuvor vielfach im Neustädter Hafen umgeschlagen wurden. Dazu gehörten neben zahllosen Stahlprodukten alljährlich auch zigtausende von Tonnen Großröhren – lange eine Spezialität des Neustädter Hafens, die aufgrund der hohen Gewichte die Tonnenstatistik auf hohem Niveau hielt. Verbesserungen sind laut Riekers erst bei einem Ölpreis von 70 bis 80 Dollar pro Barrel zu erwarten. 

Neue Geschäfte sind hinzugekommen

Die weiträumigen Flächen des Neustädter Hafens sind von der BLG teilweise an kooperierende Hafen- und Logistikunternehmen vermietet, die auf diese Flächen angewiesen sind, wie beispielsweise PTS, Gluud oder WLP). Der Neustädter Hafen hat zwar in den letzten Jahren keine Kunden und keine Ladung verloren, kämpft aber eben mit den negativen konjunkturellen und geopolitischen Einflüssen. Neue Geschäfte sind hinzugekommen. Zum Beispiel große Bauelemente für Onshore-Windkraftanlagen, die über Bremen exportiert werden. Seit einigen Jahren montieren Unternehmen wie Linde oder auch zwei Kranhersteller Großbaugruppen im Neustädter Hafen. Ein Beispiel sind Erdgasverflüssigungsanlagen, die in großen Einzelteilen per Schwerguttransport in den Neustädter Hafen gelangen und dort zu fertigen Anlagen montiert werden. Dort können sie dann zum Weitertransport auf Seeschiffe oder Pontons verladen werden. 

Dabei sieht Riekers für den Neustädter Hafen einen klaren Wettbewerbsvorteil. Die Kosten für Sondertransporte auf der Straße sind sehr hoch und dabei kann Bremen als südlichster deutscher Seehafen punkten. Jeder Kilometer, der auf der Straße eingespart werden kann, reduziert die Kosten. Hinzu kommen ökologische Vorteile. Ausgeschöpft werden kann dieser Wettbewerbsvorteil eindeutig auch durch erhebliche Verbesserungen seitens der Politik. Die behördlichen Genehmigungsverfahren wurden deutlich beschleunigt und die Zeitfenster für Sondertransporte zum Hafen ausgeweitet. Die verkehrsgeografische Position des Neustädter Hafens mit seiner trimodalen Anbindung per Wasser, Schiene und Straße ist optimal. Auch deshalb konnten sich im unmittelbaren Umfeld des Hafens das Güterverkehrszentrum (GVZ) und große Logistikzentren erfolgreich etablieren. Dort sind in den letzten Jahrzehnten tausende neuer Arbeitsplätze entstanden. Das Bremer GVZ war das erste seiner Art in Europa und behauptet im jährlichen Ranking nach wie vor stets Spitzenplätze.

Wachstumspotenzial sieht der BLG-Vorstand auch in der Ausweitung des Speditionsgeschäfts mit der Tochter Freight Forwarding (FFW), die ihre Zentrale im Neustädter Hafen hat. Die BLG hatte 2016 ein mittelständisches, gut vernetztes Speditionsunternehmen mit mehreren Niederlassungen hinzugekauft, mit dem Ziel, die speditionellen Dienstleistungen weiter auszubauen. Zudem möchte die BLG Cargo Logistics ihr Leistungsportfolio durch Kooperationen mit anderen Hafenunternehmen ausweiten. Als Beispiel nennt Riekers hier den Sektor Verpackungen für den Seetransport.

Forstprodukte als Hauptgüterarten

Eine Hauptgüterart im Neustädter Hafen sind Forstprodukte wie Papier und Zellulose. Sie gelangen mit den regelmäßigen Liniendiensten der Reedereien Star Shipping und Wagenborg nach Bremen und werden an Kunden in ganz Deutschland weiterverteilt. Das ist laut Riekers ein permanent stabil laufendes Geschäft auf hohem Niveau.

Vorübergehend für etwas Verwirrung sorgten kürzlich Zeitungsberichte in Bremen, die über eine erweiterte Nutzung des Hafenreviers links der Weser spekulierten. So sollte beispielsweise in einem ersten Schritt das Traditionsrestaurant am Lankenauer Höft den Meldungen zufolge zum Jahresende geschlossen werden. Tatsache ist, dass der Pachtvertrag Ende 2016 ausläuft und nicht einfach verlängert wird. Die Bremer Baubehörde möchte die Flächen an der Hafenspitze aufwerten – zum Beispiel durch ein verbessertes Gastronomieangebot, durch Freizeitmöglichkeiten und eventuell auch Übernachtungsangebote. Die Hafenspitze mit ihrem rund 8.000 Quadratmetern Fläche soll attraktiver werden und mehr Menschen anziehen. Dazu sollen sich potenzielle Investoren entsprechende Gedanken machen. Die Hafenverwaltung von bremenports, die auch für die Flächen am Lankenauer Höft zuständig ist, hat den Pachtvertrag neu ausgeschrieben und hofft auf gute Ideen, wobei das Gesamtkonzept Priorität haben wird. 

Der Neustädter Hafen ist und bleibt ein Nukleus, ohne den die gesamte jüngere Entwicklung der riesigen Logistikzone auf der linken Weserseite nicht möglich gewesen wäre und eine weitere erfolgreiche Gestaltung in Gegenwart und Zukunft für dieses Areal wohl infrage stehen würde. 

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